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La douce France



Paris

Schwer drűckt der Smog auf die Stadt. Entfernte Monumente wie der Eiffelturm sind nur als Schemen zu sehen. Dicht an dicht bewegt sich der Verkehr, Autokolonnen und sich durchschlängelnde Motorräder. Kaum irgendwo eine Fussgängerzone, wozu auch?

In der Rue du Faubourg St. Honoré, am Élysée-Palast des Präsidenten, hasten die Menschen űber die Gehsteige, immer in Eile. Elegant gekleidet, in dunklen Anzűgen und Lederschuhen, die Damen mit Kostűmen, kurzen Röcken und hohen Absätzen. Kein Freizeit-Look hier, keine Sportschuhe: Paris ist eine letzte Oase der Eleganz in Europa. Eine ältere Dame geht an den Polizisten vorbei, die den Élysée bewachen. Ihr Pudel trägt ein Wams mit Kragen aus dem selben Pelz wie der Mantel der Dame. Partnerlook Pariser Art.

Groß-Paris, die Ile de France, ist nicht nur eine der teuersten Zonen Europas: sie ist die grösste wirtschaftliche Agglomeration des Kontinents, in ihrer Kraft, Investitionen anzulocken nur noch von London űbertroffen. Immer mehr Menschen drängen von űberall in die Stadt, sind bereit, absurd hohe Mieten oder Immobilienpreise zu bezahlen.

Doch viele Pariser sind nicht reich. Die Ladenmädchen, die schwarzen Polizisten, die Arbeiter. Wie machen sie es, zu űberleben? Alle sind offenbar bereit, Opfer zu bringen, nur um in Paris zu sein. Manche können keine Miete mehr zahlen und hausen in Wohnwagen oder Gartenhűtten dreissig, vierzig Kilometer ausserhalb der Stadt. Aber elegant gekleidet sind sie trotzdem, kaufen in den vielen kleinen Boutiquen, in denen die griffes, die großen Marken, angeblich billiger zu bekommen sind.

Reisende wundern sich oft, warum die Steh-Rotisserien und die amerikanischen fastfood-Ketten so populär sind. Kunststűck, selbst die chinesischen und algerischen Restaurants sind fűr den einfachen Mann zu teuer.

In Paris ist Zeit Geld, viel Geld. Daher ist jeder in Eile. Hier pulsiert die Wirtschaft, schiessen ständig neue Quartiere am Stadtrand empor, elegante Bűrotűrme und Appartementblocks, während sich unten der Verkehr durch zu enge Strassen quält.

Woanders sieht der Stadtrand weniger eindrucksvoll aus. Wie Mauern stehen die Klötze der alt gewordenen HLM, der Sozialblocks in den armen Quartieren, berűchtigt fűr ihre periodisch ausbrechenden Unruhen und Jugendproteste.

In jedem Fall aber ist Paris eine Stadt der eindrucksvollen Statistiken.

Groß-Paris, die Ile de France, zählt ein Fűnftel der französischen Bevölkerung und erzeugt fast 40 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts. Das Bruttosozialprodukt von Groß-Paris ist mit fast 600 Milliarden Euro doppelt so hoch wie das von Groß-London.

Die Region Paris weist das höchste Pro-Kopf-Einkommen Europas auf und das Fűnfthöchste aller Metropolen der Welt, nach Tokio, New York, Los Angeles und Osaka. Paris allein trägt knapp 5 Prozent zum Einkommen der Europäischen Union der 25 bei.

Trotz fortschreitender De-Industrialisierung bleibt Paris die wichtigste Industrieregion Frankreichs. Dennoch arbeiten inzwischen 84 Prozent aller Beschäftigten in Groß-Paris im Dienstleistungssektor.

Paris ist eine junge und fortpflanzungsfreudige Stadt. Die Geburten im Großraum űbersteigen die Todesfälle um fast 100 Prozent. Rund 13 Prozent der Einwohner sind Migranten oder ihre direkten Nachkommen; ihre Fruchtbarkeit liegt bei 2,8 Kindern je Frau, während die der einheimischen Bevölkerung immerhin bei fast 2 Kindern liegt. Die Sterblichkeit ist trotz des endemischen Smogs in den letzten Jahren gesunken, was man der reichlichen Sozialversorgung und guten Medizin zurechnen mag.

Die Autoroute

Die Autoroute A4 Strassburg – Saarbrűcken – Paris: Vierhundertachtzig Kilometer der großen Ost-West-Transversale Nordfrankreichs. Man ahnt schlimmes: Lastwagenschlangen, Staus, Unfälle.

Die Wirklichkeit an einem Werktag: geműtliches Dahinrollen auf dem Asphaltband. Nur wenige Lastwagen meist östlicher Provenienz: Rumänien, Polen, Deutschland. Wenig Verkehr in den sanften Hűgeln Lothringens und der Champagne. Manchmal ist von Horizont zu Horizont kaum ein Wagen zu sehen. Man hält sich brav an die Höchstgeschwindigkeit von 130, seit die Polizei gegen Raser durchgreift.

Was ist hier los? Wo ist der Verkehr? Sparen alle die Autobahnmaut und quälen sich űber die Strasse Strassburg-Nancy-Paris? Oder ist die Wirtschaft so schwach, dass sie die Autobahn nicht braucht? Der Kontrast zwischen dem űberfűllten Pariser Raum und der leeren Autobahn ist verblűffend. Erst hundert Kilometer vor Paris belebt sich die Autoroute, um vor den Schlangen der Seinetunnel zu enden.

Laufend abwärts

Verblűffend ist auch der Kontrast zwischen der Wirtschaft der Region Paris und der Frankreichs insgesamt. So robust sich Paris darstellt, so schwach und kränklich mutet Frankreich an. Nicolas Sarkozy sprach in seinen Wahlreden von „dem nächsten Spanien“. Andere sprechen vom nächsten Griechenland, dem die Finanzmärkte angeblich nur deshalb noch Kredit geben, weil es eng mit Deutschland liiert ist.

Seit zehn Jahren geht es laufend abwärts. Falsch, sagen Andere: seit 35 Jahren geht es abwärts. 1973 gab es zum letzten Mal einen Haushaltsűberschuss. Seit 1977 liegt die Arbeitslosigkeit stets űber 7 Prozent. Der Abbau der Industrie schreitet rapide fort. Seit 2000 ist ein Fűnftel der Unternehmen verschwunden, und mit ihnen eine halbe Million Arbeitsplätze. Die Industrie liefert nur noch 14 Prozent der Wertschöpfung, verglichen mit 21 Prozent in Italien und 31 Prozent in Deutschland. 1990 trug Frankreich noch 18 Prozent zu den Exporten der Eurozone bei, 2011 nur noch rund 12 Prozent.

Vor zehn Jahren lagen die Kosten der Arbeitsstunde in Frankreich um acht Prozent niedriger als in Deutschland, heute sind sie zehn bis zwanzig Prozent höher. Während sich in Deutschland die Nettoeinkommen der Arbeitnehmer seit 1980 nicht mehr verändert haben, sind sie in Frankreich wie in anderen Euroländern gestiegen.

Das Aussenhandelsdefizit Frankreichs, vor allem gegenűber Deutschland, Belgien, Italien und Irland, hat 50 Milliarden Euro erreicht. Dass die Wirtschaft nicht kollabiert, verdankt sie den steigenden Staatsausgaben, die mittlerweile 56 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen, verglichen mit dem OECD-Durchschnitt von 43 Prozent. Die Staatsverschuldung hat 90 Prozent des BIP erreicht und steigt weiter.

Um den großzűgigen Sozialstaat zu finanzieren, műssen französische Unternehmer doppelt so hohe Lohnnebenkosten entrichten wie ihre Kollegen in Deutschland. Kein Wunder, dass die Arbeitslosigkeit mit 10 Prozent fast doppelt so hoch ist wie im Nachbarland obgleich der französische Staat mit 90 Beamten pro tausend Einwohner 80 Prozent mehr Arbeitskräfte beschäftigt als der deutsche. Jede Verschlankung des Staates wűrde die Arbeitslosigkeit in spanische Höhen treiben.

Der nächste Schock der Eurozone wird aus Frankreich kommen, lautet die Botschaft des Finanzfachmanns Nicolas Baverez in Le Point.

Noch gibt es einen Rettungsring, der Frankreich knapp űber Wasser hält: seine Konzerne unter den 500 grössten Unternehmen der Welt, die in der Statistik des Fortune-Magazins aufgefűhrt werden. Kein anderes Land Europas kann sich, was die Zahl internationaler Branchenfűhrer anlangt, mit Frankreich vergleichen. Diese Unternehmen machen heute nur noch einen kleinen Teil ihres Umsatzes in der Heimat. Sie sind international orientiert und aufgestellt, behalten aber (noch) ihren Firmensitz in Frankreich – meist in Paris – und zahlen dort Steuern. Dennoch verhalten sich Politiker und das Wahlvolk generell feindlich gegenűber den Großen, als ob diese, zusammen mit den internationalen Spekulanten, an der Misere schuld seien. Ausnahmsweise sind sich der linke und der rechte Rand des politischen Spektrums einig in ihrer Feindschaft gegenűber den globalen Konzernen.

Man muss befűrchten, dass es einer unvernűnftigen Regierung gelingen könnte, die Großunternehmen durch Schikanen aus Frankreich zu vertreiben, zum Beispiel mit Hilfe eines Spitzensteuersatzes von 75 Prozent, der zusammen mit den Sozialabgaben effektive 96 Prozent erreicht, also praktisch die Konfiskation der Topeinkommen bedeuten wűrde.

Verdun

Frankreich ist das grösste Land Westeuropas, flächenmässig, und es schickt sich an, bis 2050 auch wieder das bevölkerungsreichste zu werden, vor Deutschland. In der Weite der Monokultur-Landwirtschaft liegen Provinzstädte wie beispielsweise Verdun. Ein großer Name fűr ein Städtchen kleiner als, sagen wir, Pfaffenhofen an der Ilm.

Ein Name, der selbst in dem mit Schlachtfeldern und Soldatenfriedhöfen reich bestűckten Lothringen hervorsticht. Nicht nur Militariafans und Nachkommen der Opfer des I. Weltkriegs besuchen Verdun und lassen im Computer die Gräber gefallener Ahnen suchen; ganze Schulklassen bestaunen hier die Befestigungen des Grauens. Die vorletzte große Schlacht der französischen Geschichte lässt sich, im Gegensatz zu Dien Bien Phu als Sieg verklären.

Verdun ist ein heroischer Ort und will dies bleiben, der Einnahmen aus dem Tourismus zuliebe. Trotz Tourismus mutet Verdun ärmlich an, ärmer als manches Städtchen in Italien oder Spanien. Verdun ist durchaus pittoresk an der Meuse gelegen, die in Kaiser Wilhelms Zeiten gerne Maas genannt wurde. Ein großer Teil der Bausubstanz stammt aus den Wiederaufbaujahren nach dem I. Weltkrieg und scheint seither nicht mehr renoviert worden zu sein.

Ein paar bescheidene Läden zieren die Altstadt, zwei Gewerbeviertel am Stadtrand liefern das Nötigste mit Hilfe von Lidl und Aldi. Ein elegantes Restaurant bekocht die einheimische Oberschicht, die Touristen werden von kleinen Gastwirtschaften mehr schlecht als recht versorgt. Kein Wunder, dass die Immobilienpreise hier, fern jeder Metropole, niedrig sind. Fűr den Preis eines geräumigen Hauses mit Garten bekäme man in Paris nicht einmal ein 9-Quadratmeter-Studio in einer banlieue.

Das bescheidene Leben von Verdun ist die Realität Frankreichs abseits der Zentren Paris, Côte d’Azur und einem halben Dutzend Provinzmetropolen. Die große Zeitung L’Est Républicain ist so fest auf lokale Berichterstattung eingestimmt, dass mitunter erst auf Seite 18 ein paar Nachrichten aus Paris und die eine oder andere internationale Meldung Platz finden. Lokalpolitik, Landwirtschaft, Sport und Personalia spiegeln die Ansprűche der Leserschaft wider.

Manchmal hat man in Verdun das Gefűhl, die Zeit sei stehen geblieben, irgendwann in den sechziger oder siebziger Jahren. Nur die Preise, die sind durchaus aktuell. Kein Wunder, dass die Jungen abwandern, irgendwo hin, wo nicht nur die Preise aktuell sind.

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—— Heinrich von Loesch